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16.07.2019

Studie der Bertelsmann-Stiftung

Debatte um Klinikschließungen schürt Ängste und Misstrauen

Hans Gehle und Michael Krakau: Gesundheitsministerien sollten sich nicht in die Irre führen lassen

Von Michael Helmkamp

Köln. Sind 800 unserer 1400 Kliniken wirklich verzichtbar? Führen weniger Krankenhäuser zu einer besseren Qualität der Versorgung? Diese Gleichung geht nicht auf: „Massive Krankenhausschließungen werden die Versorgung der Bevölkerung nicht verbessern“, warnen Dr. med. Hans-Albert Gehle und Michael Krakau, die beiden Vorsitzenden des Marburger Bundes Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz.

„Die von der Bertelsmann-Stiftung mit einer fragwürdigen Studie initiierte Schließungsdebatte schürt nur die Ängste der Bevölkerung und streut Misstrauen gegen die Beschäftigten, die täglich mit hohem persönlichen Einsatz und Millionen Überstunden die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz aufrecht erhalten“, mahnen Gehle und Krakau angesichts einer mittlerweile hitzigen Debatte, die nach der Veröffentlichung der Studie entbrannte.

Krankenhausplanung ist Angelegenheit der Länder

„Solche populistischen Debatten missachten die Versorgungsrealität und gefährden die Versorgung. Krankenhausplanung ist ganz klar definiert eine Angelegenheit der Länder und gewiss nicht Aufgabe einer Stiftung. Ökonomen mögen leichtfertig über einen massiven Kapazitätsabbau und Zentralisierungen fabulieren, doch die Gesundheitsministerien beider Länder sollten sich dadurch nicht in die Irre führen lassen“, so Gehle und Krakau.

„Auch das in der Studie präsentierte Modell für den Köln-Leverkusener Raum ist keine überzeugende Lösung für die Zukunft. Zwei Drittel der Kliniken im Kölner Raum zu schließen, wäre unverantwortlich. „Wer das will, riskiert schlicht Menschenleben. Solange in Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz quasi Vollbelegung und zudem ambulante Versorgungsengpässe herrschen, sollten beide Landesregierungen lieber echte regionale Krankenhausplanung zum Wohle unserer Bevölkerung betreiben.“ Um eine gute stationäre Versorgung sicherzustellen, sind deutlich erhöhte Investitionen in Krankenhäuser für Umstrukturierungen, neue Technologien und die Digitalisierung erforderlich.

„Der vernünftigere Weg ist, die Krankenhäuser trägerübergreifend zu vernetzen, statt sogenannte „Superkrankenhäuser“ zu errichten, für deren Bau Milliardenbeträge benötigt würden, die ohnehin nicht vorhanden sind. Wer soll denn die Kliniken überhaupt betreiben, die laufende Versorgung in den Kostenstrukturen solcher Großkliniken finanzieren? Missachtet wird ferner, schon kleinere Klinikfusionen scheitern an kartellrechtlichen Fragen, wie unlängst gerade in Köln geschehen. Wie soll das bei „Superkrankenhäusern“ gelingen?

Die Politik muss vielmehr gesetzliche Hindernisse aus dem Weg schaffen, die die lokale Zusammenarbeit derzeit behindern und bessere Anreize setzen:

Durch zusätzliche finanzielle Mittel Kooperationen belohnen, statt den Strukturfonds nur als Abwrackprämie defizitärer Kliniken zu verwenden.

Sowohl Spitzenmedizin in ausgewiesenen Zentren als auch die Normalversorgung in der Fläche kostendeckend zu finanzieren, statt weiterhin falsche Anreize durch das längst abzuschaffende DRG-System zu setzen.

Durch infrastrukturelle Maßnahmen die Vernetzung zu verbessern, statt bestehende Strukturen schlicht zu zerschlagen.

Zweifel an

der Unabhängigkeit

Höchst bedenklich sei, „dass Prof. Busse in der Bertelsmann-Studie aktuell den Schluss zieht, dass weniger als die Hälfte aller Krankenhäuser notwendig sind. Prof. Busse wurde auch vom NRW-Gesundheitsministerium beauftragt, in diesem Sommer ein Gutachten zur Krankenhausplanung für ganz NRW vorzulegen – dort wird Prof. Busse nichts anderes feststellen“, vermuten Gehle und Krakau. Viele Medien verweisen auf einen Interessenkonflikt und auf eine fehlende Unabhängigkeit, geben zu bedenken, dass es fragwürdig sei, dass Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, zugleich auch im Aufsichtsrat der privaten Rhön-Klinikum AG ist. Rhön würde gewiss von Klinik-Schließungen profitieren.

Klare formulierte Kritik kommt von Gehle und Krakau: Die Begründung der sog. Gutachter und Autoren der Studie sind unwissenschaftlich und falsch. Die Schlussfolgerung der Studie beruhen nicht auf Überlegungen zur Qualitätsverbesserung in der Fläche, sondern auf rein krankenhausökonomischen Überlegungen. Sie sind daher für die Krankenhausplanung in NRW und RLP mit dem Ziel der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Patienten-Versorgung in der Fläche ungeeignet.“ Auch berücksichtige das Gutachten nicht den zukünftigen weit größeren Bedarf an heimatnaher Versorgung geriatrischer Patienten und den morbiditätsbegründeten Bedarf an Krankenhausbetten für die älter werdende Babyboomer-Generation.

Länder sollten auf Kenntnisse der Ärztekammern zurückgreifen

Statt den Rat fragwürdiger Gutachter zur Grundlage politischer Entscheidungen zu machen, sollten die Landesregierungen bei der Krankenhausplanung auf die regionalen Kenntnisse der Ärztekammern und Krankenhausgesellschaften sowie des Marburger Bundes zurückgreifen. „Diese Akteure wissen aus täglicher Arbeit, was Patienten tatsächlich benötigen. Die Versorgung von insgesamt über 22 Millionen Einwohner in beiden Ländern darf nicht Ökonomen oder Stiftungen überlassen werden. Das wäre verantwortungslos. Überfällig ist eine ehrliche Debatte, in der es auch kein Denkverbot gibt, was etwa die Grenzen zwischen den ambulanten und stationären Sektoren betrifft.

Allein die derzeitige Überlastung aller im Gesundheitswesen Arbeitenden, die Fortschritte in der Medizin und der Wunsch nach einer bestmöglichen Versorgung der Menschen zwingt uns zu Veränderungen. Aber einfach die Zahl der Krankenhäuser massiv zu reduzieren und zu glauben, damit wird alles besser, das ist ebenso unverantwortlich wie falsch.“

Am 14. September wird sich unsere Hauptversammlung in Bochum mit dem Thema Krankenhausplanung beschäftigen.

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