Gemeinsam mehr bewegen

Vernünftige Steuerung muss Notfallambulanzen entlasten

Ärztinnen und Ärzte erwarten akzeptable Arbeitsbedingungen

Mitte des Jahres 2017 hat der Marburger Bund erstmals die Eckpunkte für eine Strukturreform der medizinischen Notfallversorgung vorgelegt. Ende Juni 2019 haben wir uns mit der KBV auf ein gemeinsames Konzept für die Notfallversorgung geeinigt: Die neu aufzubauenden Anlaufstellen mit einem „gemeinsam besetzten Tresen“ am Krankenhaus benötigen keinen dritten Sektor und sind kein Bestandteil des Krankenhauses. Wir wollen eine Integrative Notfallversorgung. Die nicht akzeptable Überlastung des Personals in den stationären Notfallambulanzen war vor zwei Jahren das Hauptthema unserer Hauptversammlung in Köln.

Dort haben wir gefordert, dass jeder Patient Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Notfallbehandlung hat und diese zu jeder Zeit und an jedem Ort gesichert sein muss. Medizinische Anliegen der Patienten müssen über 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche an einer festen Anlaufstelle entsprechend dem individuellen Krankheitsbild identifiziert und zeitgerecht einer adäquaten medizinischen Versorgungsstruktur zugeordnet werden können. Ebenso klar ist für uns – jede neue Struktur muss das überlastete medizinische Personal in den Notaufnahmen entlasten. Zwischenzeitlich haben die Gesundheitsminister des Bundes und des Landes NRW ihre Reformpläne zur Notfallversorgung vorgestellt, in denen im Wesentlichen unsere Forderungen erfüllt werden. Minister Karl-Josef Laumann will ein flächendeckendes System von Portalpraxen an den Krankenhäusern in NRW etablieren.

Das Ziel des Systems ist, Patienten in Krankenhäusern über den zentralen Empfang der Portalpraxis und ein strukturiertes Ersteinschätzungssystem nach Schweregrad und Dringlichkeit der nötigen Behandlung zum richtigen Behandlungsort weiterzuleiten. Entweder in die Notfalldienstpraxis nieder­gelassener Ärztinnen und Ärzte oder in die Notfallambulanz des Krankenhauses oder – zu den regulären Sprechzeiten – in eine ambulante Arztpraxis. Die weitere Behandlung erfolgt am richtigen Behandlungsort. Das ist die richtige Patientensteuerung. Unsere Patienten, aber auch wir Ärztinnen und Ärzte, erwarten durch neue Notfall-Strukturen akzeptablere Arbeitsbedingungen und mehr Qualität. Aber auch eine integrative Notfallversorgung braucht eine angemessene apparative und personelle Mindestausstattung.

Daran mangelt es schon heute. Unklar ist, wie die neuen Portalpraxen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr ärztlich besetzt werden sollen. Das erscheint angesichts des Ärztemangels utopisch. Die spannende Frage wird in diesem Jahr sein, an welchen Krankenhäusern eine Portalpraxis angegliedert werden wird und an welcher Klinik nicht. Wir warnen davor, durch eine leichtfertige oder an ökonomischen Gesichtspunkten orientierte „Ansiedlungspolitik“ unverzichtbare klinische Versorgungsangebote im ländlichen Raum zu gefährden. Oft stellen nur noch Kliniken die Versorgung sicher, weil Praxen längst nicht mehr besetzt werden können. Jede Neustrukturierung muss die tatsächlichen Versorgungsverhältnisse und die regionalen Besonderheiten ausreichend berücksichtigen. Wir bieten unseren Sachverstand an.

Parallel will unsere Landesregierung in diesem Jahr einen neuen Krankenhausplan auf den Weg bringen. Wir müssen bei beiden Reformprozessen sehr genau da­rauf achten, dass die Qualität der stationären Versorgung nicht verschlechtert wird. Keinesfalls dürfen die Notwendigkeiten zu Reformen als Argument für die Schließung dringend benötigter Kliniken benutzt werden. Wir werden unseren Sachverstand aber in den nächsten fünf Jahren nur einbringen können, wenn Sie für die Liste „Marburger Bund – Krankenhaus und mehr“ stimmen.

DANIEL FISCHER
DANIEL FISCHER
Vorsitzender des MB-Bezirks Detmold, Mitglied des ÄKWL-Arbeitskreises Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement, Vorsitzender des ÄKWL-Arbeitskreises Rettungswesen, Notfallmedizin und Katastrophenmedizin
DERSIM DAGDEVIREN
DERSIM DAGDEVIREN
Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Bergmannsheil und Kinderklinik Gelsenkirchen-Buer
DR. MED. PATRICIA KALLE DROSTE
DR. MED. PATRICIA KALLE DROSTE
Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie, Johannes Wesling Klinikum Minden – Mühlenkreiskliniken
DR. MED. WILFRIED SCHNIEDER
DR. MED. WILFRIED SCHNIEDER
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin, Spezielle internistische Intensivmedizin, Ärztlicher Leiter Zentrale Notaufnahme, Klinikum Herford