Gemeinsam mehr bewegen

Patienten brauchen Ärzte, keine Ökonomen!

Profitstreben darf unsere Diagnostik und Therapie nicht gefährden


Von Elenore Zergiebel

Patienten haben das Recht auf eine gute medizinische Versorgung jenseits ökonomischer Überlegungen. Die Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung, die in stationären Einrichtungen seit der Einführung des „DRG-Systems“ 2003 immer stärker fortschreitet, gefährdet jedoch die Gesundheit von Patienten und medizinischem Personal. Wir wissen, nur gesunde Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten können ihren Patienten helfen. Direkte negative Folgen der fortschreitenden Ökonomisierung sind eine suboptimale Patientenversorgung, eine geringere Zufriedenheit der Patienten, ein verminderter Zugang zur Versorgung und erhöhte Gesundheitskosten.

Realität ist, dass durch immer mehr ökonomische Vorgaben ärztliche Entscheidungen in Diagnostik und Therapie in den Hintergrund gedrängt werden. Die unverzichtbare Zeit für Patienten, die nötige Zeit für eine vertrauensvolle Zuwendungsmedizin geht uns verloren. Es ist auch nicht akzeptabel, die Bettenbelegung im Krankenhaus unter ökonomischen Gesichtspunkten zu steuern. Wir erleben es jeden Tag, dass ökonomische Vorgaben oder Profitorientierung im Gesundheitswesen die Gesundheit der Patienten und Ärzte gefährdet.

Angesichts der negativen Auswirkungen der fortschreitenden Ökonomisierung auf die Gesundheit der Beschäftigten und Patienten, fordern wir, dass die Entscheidungsträger im Bund und den Ländern zukünftig bei allen gesetzgeberischen Maßnahmen im Gesundheitswesen das Primat einer unabhängigen ärztlichen Entscheidung in den Vordergrund stellen.

Wir wissen, dass die produktivitätsorientierte Vergütung des DRG-Systems keine Zeit für Patienten außerhalb der ärztlichen Kernleistung zulässt. Die Abrechnung über Fallpauschalen und ausufernden MDK/Krankenkassenprüfungen erhöhen zudem kontinuierlich die Anforderungen an die Dokumentation und Arbeitsplatzstruktur des Arztes. Daraus resultierend zunehmend juristische Auseinandersetzungen, mit einer Flut von Urteilen. Diese haben zu erhöhtem Arbeits- und Verwaltungsaufwand geführt, der nicht der Patientenversorgung dient, sondern die Beschäftigten im Gesundheitswesen überlastet.

Die Budgetierung der Gesundheitsausgaben und die fehlenden Investitionsmittel der Bundesländer bewirken das Übrige: Das Krankenhausfinanzierungssystem muss durch ein neues Vergütungssystem ersetzt werden, das die Kosten der aus ärztlicher Sicht nötigen Versorgung der Patienten tatsächlich deckt.

Unser Gesundheitssystem muss finanziell so ausgestattet sein, dass die Qualität der Versorgung der Patienten flächendeckend gesichert ist und die Gesundheit der Beschäftigten nicht gefährdet wird. Die Bundesländer müssen den Kliniken die nötigen Investitionsmittel vollumfänglich zur Verfügung stellen.

Des Weiteren brauchen wir eine angemessene Personalausstattung. Sie ist unabdingbare Voraussetzung für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Patienten sowie die Qualität der Patientenversorgung. Mithilfe einer Personalentwicklung muss dem Diktat der Ökonomie entgegengewirkt werden.

Wir meinen, Politik und Arbeitgeber müssen die Voraussetzungen schaffen, die medizinische Versorgung der Patienten wieder in den Vordergrund zu stellen. Die Daseinsvorsorge bzw. Gesundheitsfürsorge muss oberstes Gebot der Patientenversorgung sein.

Ärztinnen und Ärzte müssen von überbordenden administrativen Tätigkeiten entlastet werden. Aber auch durch tarifliche und betriebliche Regelungen – etwa zum Familienurlaub und zur Flexibilität bei der Arbeitszeitplanung – muss das Privatleben der Beschäftigten geschützt werden. Dem durch die Ökonomisierung bedingten, negativen Einfluss auf das Privatleben der Beschäftigten, muss Einhalt geboten werden.

Unsere Gesellschaft, die Entscheider in der Politik und die Arbeitgeber, aber auch wir Ärztinnen und Ärzte haben die Pflicht, der durch die fortschreitende Ökonomie bedingten Überlastung der Beschäftigten im Gesundheitswesen aktiv entgegenzuwirken und mehr Zeit für unsere Patienten einzufordern. Wir brauchen einen starken Marburger Bund, um in der Politik gehört zu werden. Mit Ihrem Votum können Sie helfen, unser gemeinsames Ziel in die Realität umzusetzen.

ELEONORE ZERGIEBEL
ELEONORE ZERGIEBEL
Ärztin für Innere Medizin, Leitung strategisches Medizincontrolling, Krankenhaus Düren