Gemeinsam mehr bewegen
12.08.2019

Kammerwahl 2019 – Kandidatentreffen in der Werkstatt Stromberg

Wer wird zukünftig unsere Patienten behandeln?

Arztberuf im Wandel / Tele-Medizin und Künstliche Intelligenz werden Ärzteschaft herausfordern

Von Michael Helmkamp

Waltrop. Wohin steuert unsere Medizin? Wer wird zukünftig unsere Patienten behandeln? Ärztinnen und Ärzte oder künstliche Intelligenz? Werden virtuelle Krankenhäuser die Zukunft prägen? Der digitale Fortschritt ist atemberaubend, doch wie weit darf er gehen? Diese Fragen erörterten PD Dr. med. Christian Juhra und Dr. med. Simone Gurlit beim MB-Kandidatentreffen in Waltrop.

In der wunderschönen historischen Umgebung der Zeche Waltrop begrüßte zunächst MB-Spitzenkandidat Dr. med. Hans-Albert Gehle über 90 Ärztinnen und Ärzte. Dr. med. Uli Schröder erläuterte anschließend in der „Werkstatt“ Stromberg, warum es so wichtig ist, dass auch künftig die gewählten Vertreterinnen und Vertreter des Marburger Bundes die übergroße Mehrheit der angestellten Kammermitglieder vertritt.

„Was eint uns alle“, fragte Hans-Albert Gehle. „Wir denken immer das Ganze. An die Nöte, aber auch die Versorgung der Menschen. Wir haben einen eigenen besonderen Blick auf unseren ärztlichen Beruf, auf die Zusammenarbeit mit anderen ärztlichen Kollegen. Und wir Klinikärzte sind fähig, ökonomisch unabhängig zu entscheiden und die Freiberuflichkeit zu bewahren.“ Ökonomie sei nichts schlechtes, aber „sie muss zu verantwortbarer Medizin führen. Wir müssen auf Gefahren hinweisen, die etwa durch die Kapitalübernahme von Radiologie-, Dialyse-, Augenarztketten entstehen und der Innovationsmotor Krankenhaus darf nicht weiter kaputtgespart werden.

Als Ärzte müssen wir uns klarer definieren. Unsere besondere Rolle, die Arzt-Patientenbeziehung, selbstbewusster leben. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Das ärztliche geführte Versorgungsystem hat immer die gesamte Versorgung im Auge.“

„Unsere Kammer ist so gut aufgestellt, wie kaum eine andere. Dies ist vor allem dem Engagement der Vertreter des Marburger Bundes zu verdanken. Das gilt es zu bewahren. Jeder muss sich im Wahlkampf aktiv beteiligen – es lohnt sich“, warb Hans-Albert Gehle.

Gemeinsam mehr bewegen – auch bei der Kammerwahl im September. Die Briefwahl startet am 7. September. Wahlfrist: 9. Oktober.

Wird Künstliche Intelligenz den Ärztemangel lösen?

Im zweiten Teil des Kandidatentreffens stand die Medizin 4.0 im Focus. Der Arztberuf ist seit je im Wandel. „Wie sieht aber die Medizin der Zukunft aus“, fragte PD Dr. med. Christian Juhra aus der Stabstelle Telemedizin des Uniklinikums Münster. „Werden immer weniger Ärzte die Patienten versorgen? Werden Künstliche Intelligenz und Telemedizin die Versorgung prägen?“

„Wir haben die älteste Bevölkerung in Europa und steuern auf einen Mangel von 100.000 Ärzten im Jahr 2030 zu.“ Es droht eine dramatische Unterversorgung. Könnte die Digitalisierung helfen? „Mit ihrer Hilfe können im Idealfall am richtigen Ort und zu richtigen Zeit beim richtigen Patienten auf Basis der richtigen Daten die richtigen Entscheidungen getroffen werden“, schildert Christian Juhra.

Was heißt Medizin 4.0? Sie hat viele Aspekte: Nicht nur die Tele-Visite. Smarte, bessere Früherkennung, stärkere Prävention. Smart-Home-Sensoren oder Home-Monitoring bieten etwa objektive Bewegungsanalysen bei Parkinson-Patienten. NRW will eine „Virtuelle Klinik“ schaffen. „Es wird auch neue, individuell personalisierte Therapien geben.“

Wie fing alles an? Früher als manche denken! Anfang der 30er Jahr gab es bereits die funkärztliche Beratung in der maritimen Medizin. „Heute ist es durch audiovisuelle Kommunikation möglich, trotz räumlicher Trennung per Telemedizin Diagnostik, Konsultation und medizinische Notfallhilfe anzubieten.“ In Zukunft kann Telemedizin im ländlichen Raum ein Bestandteil der medizinischen Versorgung werden, prognostiziert das Bundesgesundheitsministerium.

Das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen, das sog. E-Health-Gesetz, legte 2015 den digitalen Grundstein. Seit 2017 wird ein zukunftsweisendes digitales Projekt in NRW gelebt: „TELnet@NRW“ wird als neue Versorgungsform mit gut 20 Millionen Euro gefördert. 17 Kliniken und zwei Ärztenetze haben sich an die Unikliniken Aachen und Münster angeschlossen. Das Ziel: Aufnahme der Tele-Visiten in die Regelversorgung. „Uns stellt sich letztlich die Frage, geht der Patient in Zukunft noch zum Arzt oder betreut ihn künstliche Intelligenz oder gar Dr. Google?“ Das bleibt abzuwarten.

„Wird die Medizin der Zukunft innovativer, teurer und knapper?“, fragte Simone Gurlit vom Kompetenzzentrum Demenzsensibles Krankenhaus des St. Franziskus Hospitals Münster. „Brauchen wir ethische Kriterien für eine gerechte Verteilung?“ Die Gesundheitsausgaben können nicht beliebig erhöht werden. Die Weiterentwicklung der Diagnostik und Therapie, die wachsenden Erwartungen der Patienten, die allgemeinen Kostensteigerungen und die demografische Entwicklung seien finanzielle Herausforderungen, die u.a. von der defizitären Krankenhausfinanzierung noch verstärkt werden.

„Das Problem ist, die Mittel werden knapper. Müssen Patienten potenziell deshalb wirksame medizinische Leistungen aus Kostengründen vorenthalten werden? Verdeckte Rationierung findet bereits heute statt. Die Last liegt alleine bei den Leistungserbringern“, bilanziert Simone Gurlit. Leistungsbegrenzungen scheinen unvermeidbar.

„Als Marburger Bund stehen wir für Patientenorientierung und Arztwohl“, zitierte Simone Gurlit den ersten Landesvorsitzenden, Dr. med. Hans-Albert Gehle. „Für beides brauchen wir klare Zuteilungskriterien, die ein faires Entscheidungsverfahren ermöglichen, das berührt die Frage der Gerechtigkeit und damit die Frage der Ethik.“

Teuer sei die Nähe zum Tod. Bedenklich sei, wenn etwa im letzten Lebensmonat Arzneien und technische Neuerungen eingesetzt werden, die bei hohen Kosten nur einen geringen oder wenig wahrscheinlichen Nutzen haben. „Haben wir eine Chance oder gar Pflicht uns zu positionieren?“

Ethisch sei es nicht vertretbar, so Gurlit weiter, das bekannte Problem zu ignorieren. Ethisch geboten sei es, Handlungsoptionen aufzuzeigen. „Ärzte müssen mit Patienten besprechen, was lässt sich tatsächlich noch erreichen? Wo möchte der Patient sein Lebensende verbringen? Wir müssen individuelle Wertentscheidungen des Patienten gut beratend begleiten.“

Simone Gurlit stellte klar, das Vorenthalten wirksamer Maßnahmen bedürfe aufrichtiger Debatten und einer gesellschaftlichen Legitimation. „Wir brauchen ethische Kriterien für eine gerechte Verteilung.“ Zwei Kernfragen werden dabei zu beantworten sein: Welches Gesundheitssystem wollen wir uns zu welchem Preis leisten und wie definieren wir die Grenzen guter Medizin?

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