Gemeinsam mehr bewegen
08.07.2019

Notfallversorgung

Geld ist kein geeignetes Steuerungselement

Aktueller Kommentar des MB-Spitzenkandidaten Dr. med. Hans-Albert Gehle

In der jetzigen Hitzewelle erleben wir vielerorts den Ansturm auf unsere Notaufnahmen. Schon früher habe ich deren Überlastung pro­blematisiert. Wir wissen, nicht jeder, der zu uns kommt, ist auch ein medizinischer Notfall. Auch in den kassenärztlichen Notdienst strömen weiter immer mehr Patienten. Derzeit etwa 20 bis 25 Millionen Menschen pro Jahr. Immer mehr entscheiden sich dabei für unsere Notfallambulanzen. Zuletzt fast 50%. Mindestens jeder Dritte könnte genauso gut von einem niedergelassenen Arzt oder in der ambulanten Notfallversorgung behandelt werden. Deshalb sind wir als Marburger Bund auf die KBV zugegangen und haben ein gemeinsames Konzept entwickelt. Hierbei sind wir uns mit der KBV einig: Wichtig ist eine intelligente Steuerung der Patienten, damit für schwer kranke, zeitkritische Patienten genügend Zeit für Versorgung bleibt.

Ist Geld ein solches Steuerungselement? Diese Frage haben wir gegenüber der KBV bereits mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Nun bringt der neue Präsident der Bundesärztekammer eine solche Gebühr erneut ins Gespräch: „...die Patienten müssten lernen, verantwortungsvoll mit der Ressource Arzt umzugehen. Wer das nicht tue, verbaue ernsthaft erkrankten Menschen den Weg zu ärztlicher Hilfe.“ – Richtig, das sehen wir genauso. „Mit kleinen Geldbeträgen ließe sich das Verhalten der Patienten verändern. Das zeigten Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen es eine Selbstbeteiligung gebe.“ Das allerdings sehen wir anders.

„Die Notfallversorgung muss aus der Patientenperspektive gedacht werden. Die medizinische Entscheidungshoheit über die jeweils angemessene Notfallversorgung muss in die Verantwortung der Ärzteschaft zurückgeführt werden.“ So unser Konzeptpapier mit der KBV. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für die Notfallversorgung, denn auch aus meiner Sicht ist es richtig „das Menschen nicht zwei oder drei Hausärzte gleichzeitig haben sollen.“ Auch hier sollte ärztliche Entscheidungshoheit verantwortlich die angemessene Versorgung bestimmen, und die unangemessene verhindern.

Eine Gebühr aber würde nicht dem Arzt die Entscheidungshoheit übertragen, sondern den Patienten allein lassen. Stattdessen sollten wir von der Politik fordern, endlich uns mit den entsprechenden Möglichkeiten auszustatten: Koordinierung der Behandlung ambulanter und stationärer Strukturen, IT-Technische Unterstützung, Unterstützung durch medizinisch fachlich geschultes Personal zur Einschätzung der Behandlungsnotwendigkeit und vieles mehr.

In anderen Ländern ist man hier wirklich weiter. Man muss nicht Patientenakten suchen, sondern jede Behandlung, jede Untersuchung ist durch einen weiteren behandelnden Arzt unmittelbar einsehbar. Er entscheidet dann über die weitere Behandlungsnotwendigkeit. Wir müssen das Recht und den Mut haben, ärztlich zu steuern. Nur so werden wir unserer Leitungsrolle im Gesundheitswesen gerecht. Ich jedenfalls plädiere weiter für eine ärztlich und nicht monetär geführte Patientensteuerung.

Als Marburger Bund stehen wir für Patientenorientierung und Arztwohl. Deshalb ist es wichtig, dass wir unseren Sachverstand einbringen. Deshalb müssen wir uns zu Wort melden. Deshalb braucht es unsere entscheidende Stimme auch in der nächsten Kammerversammlung.

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